Frau und Wechseljahre
 

"Geschichten hin und Statistiken her, eines ist nun einmal nicht wegzudiskutieren: Die Wechseljahre sind für uns Frauen die normalste Sache der Welt. Sie sollten es zumindest sein! Was ist es also, was uns in Panik und Angst versetzt?"

Die Eierstöcke sind die einzigen endokrinen Drüsen beim Menschen, die ihre spezifische Funktion lange vor dem Ende des Individuums einstellen. Die allmähliche Hormonverschiebung während der Wechseljahre, insbesondere die nachlassende Östrogenproduktion, ist jedoch kein krankhafter, sondern ein ganz normaler und natürlicher Prozeß. Kaum eine Lebensphase ist dennoch mit so vielen falschen Vorstellungen verbunden wie die Wechseljahre.

Das Erlöschen der Eierstocksfunktion verläuft in Phasen und ist für jede Frau anders: Beginn, zeitlicher Verlauf und Ausmaß der Veränderungen sind unterschiedlich. Klimakterium ist langfristige Drüsenunterfunktion, eine Endokrinopathie, wobei das Ausmaß und die Dauer eines Östrogenmangels als wichtiges Kriterium angesehen werden müssen. Nicht zuletzt deshalb ist eine angepaßte, differenzierte, individuelle Hormonsubstitution sinnvoll und kann lebenslang vorgenommen werden nach dem Motto: Soviel Östradiol wie nötig und so wenig wie möglich. Der Erfolg einer Hormonersatzbehandlung bei Frauen in der Postmenopause hängt ganz entscheidend von dem individuellen Vorgehen im Einzelfall ab. Der Ersatz einer verlorengegangenen Körperfunktion sollte keine Nebenwirkungen auslösen! Substitution heißt im Prinzip nichts anderes, als die natürlichen Gegebenheiten des weiblichen Organismus vor den Wechseljahren nachzuahmen. Auch sollte sich eine Frau mit der Hormonsubstitution auf jeden Fall besser fühlen als ohne; die Befindlichkeit der Patientin ist deshalb der beste Hormonparameter.

Bei der heutigen hohen Lebenserwartung haben Frauen mit Beginn der Wechseljahre fast noch ihr halbes Leben vor sich; einer Frau in der Postmenopause eine adäquate Hormonsubstitution vorzuenthalten, grenzt deshalb an Körperverletzung.

Gesundheit der Frau im Alter ist im wesentlichen abhängig von einem intakten Hormonsystem. Dessen Regulation unterliegen Organ- und Zellfunktionen sowie die Genregulation und wichtige Reparaturfunktionen an altersgeschädigten DNS- und Eiweißstrukturen. Es ist der rasanten Entwicklung auf dem Gebiet der Molekular-Endokrinologie zu verdanken, daß wir heute die Involvierung der Geschlechtssteroide in Immunvorgänge, Stoffwechselprozesse, Wachstumsregulation, Alterungserscheinungen und Durchblutungserkrankungen besser verstehen.

Die sog. Sexualhormone sind wichtige Steuerungselemente im gesamten Organismus der Frau: 17ß-Östradiol ist nicht nur in die Regulation nahezu aller wichtigen Vorgänge in Vegetativum und Stoffwechsel sowie in die Regulation von Wachstum, d.h. in die Steuerung von Reparatur und Regeneration der Schleimhäute, der Haut, der Haare, aber auch der Sinnesorgane, sowie der Binde- und Stützgewebe einschließlich der Knorpel und Knochen eingebunden. Östrogenmangel kann bei Frauen in der Postmenopause zum trockenen Auge im Zusammenhang mit einer Keratokonjunktivitis sicca mit Augentrockenheit, Brennen, Jucken und Bindehautrötung führen. Ein Mangel an Progesteron bzw. vor allem an 17ß-Östradiol hat tiefgreifende Folgen für Stimmungslage und Lebensgefühl sowie geistige und körperliche Leistungsfähigkeit, d.h. für die psychische und die somatische Gesundheit der Frau insgesamt. So wird z.B. durch Hormone für die Zeit der Hormonsubstitution auch das Risiko für Ovarialkarzinome und kolorektale Tumore halbiert; das Endometriumkarzinom kann zu 100 Prozent verhindert werden. Besonders im höheren Lebensalter oder bei genetischer Prädisposition ist eine Hormonsubstitution demnach angezeigt. Für jede Frau ist es wichtig, rechtzeitig zu erfahren, daß die Prävention schwerwiegender Erkrankungen nur durch eine Langzeitsubstitution zu erzielen ist. Deshalb muß die Prävention jetzt einsetzen, wenn sie in 20 Jahren wirksam sein soll.

Vielfach bestehen dennoch Kontraindikationen für Hormonsubstitution, z.B. rezeptorpositives Mammakarzinom, akute Thromboembolie, schwere Leber-Gallen-Erkrankungen, die eine Substitution zeitweise ausschließen.

Aber auch Frauen, die nicht zu diesem Risikokollektiv gehören, erwarten von ihrem Arzt eine klinisch wirksame Alternative. Viele Frauen wünschen sich heute einen natürlicheren Umgang mit dieser natürlichen Lebensphase. In der gynäkologischen Endokrinologie werden meist Extrakte von drei Pflanzen eingesezt. Es handelt sich dabei nicht um eine hormonanaloge Wirkung, sondern eher um eine hormonähnliche, eine Rezeptorblokade. Phytoöstrogene in Cimicifuga-Extrakten wurden mittlerweile nachgewiesen und ihre Wirksamkeit nicht am Uterus, jedoch an Knochen und im Hypothalamus bewiesen. Aus der Erfahrungsmedizin ist bekannt, daß Extrakte aus Mönchspfeffer bei der prämenstruellen Mastodynie therapeutisch wirksam sind. Die stimmungsaufhellende Wirkung von Johanniskraut tritt recht langsam auf. Weitere Beispiele sind Frauenmantel, Hirtentäschel und Baldrian. Jede Frau muß dennoch wissen: weder Organ-oder Pflanzenextrakte noch Sedativa oder Tranquilizer können die Substitution mit Östrogenen und Gestagenen ersetzen!

Die Möglichkeiten, Frauen mit zunehmendem Alter von den Vorteilen der Substitution mit Sexualsteroiden entsprechend profitieren zu lassen, werden heute leider noch zu selten genutzt. 1995 wendeten nur 23 Prozent der Frauen im Alter von 45 bis 60 Jahren eine Hormonsubstitution an. Ein wesentlicher Grund für diese geringe Akzeptanz ist oft die unsachgemäße Darstellung in den Medien sowie die Angst vor Brustkrebs, die jedoch weitgehend unbegründet ist. Irreführend für die Patientin sind auch die in der Packungsbeilage aufgeführten aber nicht zutreffenden Kontraindikationen.

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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