Herpes genitalis
 

Mit "Herpes“ (im Griechischen bedeutet das Wort soviel wie „schleichender Schaden“) bezeichnet man eine Infektionskrankheit, die durch Herpes-Viren hervorgerufen wird.

Herpes genitalis gehört zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten mit einer Morbidität von 20 bis 40 Prozent in der Bevölkerung weltweit; jährlich ist mit 20 Millionen Neuerkrankungen zu rechnen. Die Übertragung erfolgt durch Schmierinfektion von Mensch zu Mensch. Im Einzelfall ist Sdies jedoch auch über Gebrauchsgegenstände möglich. Herpesviren können im übrigen auch ohne sichtbare Läsionen ausgeschieden werden, zum Beispiel im Bereich der Zervix, der Harnröhre und des Mundes. Dies scheint sogar die häufigste Form der Infektionsübertragung auf den Sexualpartner zu sein.

Die Prävalenz dieser Infektion hat in Amerika seit den späten 70er Jahren um 30 Prozent zugenommen. Dort sind mehr als 55 Millionen Menschen mit dem Herpes simplex Virus Typ 2 infiziert. Im Rahmen einer Untersuchung (1988 bis 1994) zeigte sich, daß jeder 5. im Alter über 12 Jahre Antikörper gegen das Virus hat. Die Infektion wird durch Körperkontakt, gewöhnlich schon im Kleinkindalter, übertragen. Ein zweiter Durchseuchungsschub beginnt im postpubertären Alter mit beginnenden Intimpartnerschaften. Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehört die Gesamtzahl der Sexualpartner: bei 80 Prozent der weiblichen Prostituierten kann man HSV-2-Antikörper feststellen, bei Nonnen hingegen nur zu 3 Prozent.

In Deutschland dürfte das Ausmaß der Infektionen ähnlich hoch sein. Auch das HSV Typ 1 - damit sind weltweit über 90 Prozent der Erwachsenen infiziert - gewinnt zunehmend durch die veränderten Sexualpraktiken an Bedeutung. Nach Daten aus Großbritannien gehen heute bereits 30 bis 60 Prozent der Herpes-genitalis-Infektionen auf HSV-1, das sich meist oberhalb der Gürtellinie manifestiert, zurück. Das HSV-1 unterscheidet sich vom HSV-2 vor allem dadurch, daß es weniger rezidivfreudig und der Verlauf der Primärinfektion weniger schwer ist. Das Virus-Genom persistiert in spezifischen Latenzorten, wie den Lumbal- und Sakralganglienzellen im Rückenmark lebenslang und kann in diesem Zustand weder durch die Immunabwehr noch durch Therapeutika eliminiert werden. Der Mensch scheint das einzige natürliche Reservoir für diese Viren zu sein.

Leidet eine Frau an Herpes genitalis, stecken sich deren männliche Partner im Laufe eines Jahres mit einer Wahrscheinlichkeit von 3,8 Prozent an. Im umgekehrten Fall infizieren sich Frauen in 16,9 Prozent der Fälle. Einen Schutz bietet nur die grundsätzliche Verwendung von Kondomen.

Beschwerdebild:

Sobald die Viren in die Zellen der Schleimhaut eingedrungen sind, vermehren sie sich dort sehr stark; dabei kommt es zur Bläschenbildung. Das klinische Bild ist wechselnd und reicht von der asymptomatischen Virusausscheidung über brennende Schmerzen und einer schmerzhaften fiebrigen Vulvitis oder Balanopostitis bis hin zur Enzephalitis, wobei das Brennen das entscheidende Symptom ist. Die Patienten leiden physisch und psychisch. Der Grad der Belästigung hängt ab von der Rezidivfrequenz und dem Ausmaß der lokalen Entzündungsreaktion. Menge des übertragenden Virus, Eintrittspforte und Immunstatus des Betroffenen sind entscheidend für die Dauer der Inkubationszeit und die Schwere der nachfolgenden Erkrankung.

Diagnose:

Grob geschätzt wird nur bei 20 Prozent aller mit HSV-2 Infizierten die richtige Diagnose gestellt, weniger als 50 Prozent der Infektionen werden gleich beim ersten Arztbesuch erkannt. Insgesamt werden nur 30 Prozent der genitalen Herpes-Infektionen klinisch manifest. Die Hälfte der Erkrankungen verläuft völlig asymptomatisch, die restlichen 20 Prozent machen zwar Symptome, die aber vom Patienten falsch gedeutet werden. Eine internationale Studie ergab, daß ca. 60 Prozent der Fälle mit symptomatischem Herpes genitalis nicht erkannt werden; diese Personen stellen ein besonderes Risiko bei der Verschleppung der Erkrankung dar. 70 Prozent der Neuansteckungen finden in subklinischen Phasen der Infektion statt. Die subklinische Virusproduktion wurde vor allem bei Patienten mit häufigen Rezidiven gefunden.

Differentialdiagnosen zum Herpes genitalis:

  • Vulvitis pustulosa durch Candida albicans
  • Lues Primäraffekt
  • Ekzeme
  • Behçet-Syndrom
  • superinfizierte Verletzungen
  • Vulvitis plasmacellularis
  • Pemphigus vulgaris
  • Molluska contagiosa
  • Varizellen / Zoster
  • Urethritis
  • Proktitis

Man findet bei einer floriden Infektion die Viren mittels Abstrich in Bläschen und Pusteln in 90 Prozent der Fälle, doch in Erosionen und Ulzerationen wird man nur in 70 Prozent der Fälle fündig; in verkrusteten Läsionen sogar nur in 25 Prozent. Sensitiver ist der serologische Nachweis von Antikörpern. Er belegt allerdings nur - oder schließt aus - daß eine Primärinfektion stattgefunden hat. Zwischen Latenzphase und Rezidiv kann der Antikörper-Titer nicht unterscheiden.

Primärinfektionen mit Herpes genitalis finden in den meisten Fällen erst nach der Pubertät statt und manifestieren sich meist als Balanitis bzw. Vulvovaginitis herpetika. Das HSV-2 wird durch Schleimhautkontakt via Tröpfchen- und Schmierinfektion übertragen. Die Inkubationszeit beträgt drei bis sieben Tage, evtl. länger. Das klinische Bild ist sehr typisch: Erytheme, Bläschen und Ulzera an den Schamlippen, der Klitoris, dem Damm, der Vagina und am Gebärmuttermund. Lokal treten Schmerzen, Juckreiz, Dysurie, vaginaler oder urethraler Ausfluß und eine schmerzhafte Leisten-Adenopathie auf. Der primäre Herpes genitalis kann eine sehr schwere Infektion sein, die durch starke Schmerzen an der Vulva die Entleerung von Urin und Stuhl fast unerträglich machen kann. Mehr als zwei Drittel der Patienten haben systemische Erscheinungen wie Fieber, Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl oder Muskel- und Rückenschmerzen. Es bilden sich mehrere kleine, gruppierte Papeln und Bläschen, die dann wenige Tage später zusammenfließen, ulzerieren und verkrusten. In dieser Phase besiedeln Bakterien und Pilze das zerstörte Gewebe und lösen zusätzliche Entzündungen aus. Es dauert 16 bis 21 Tage, bis die Haut wieder - meist ohne Narben - völlig reepithelisiert ist. Oft kommen Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl, Fieber und andere Beschwerden hinzu. Auch Infektionen an den Nägeln und Fingern sowie am Auge, hier mir Hornhautbeteiligung, kommen vor.

Rezidiv:

Dem primären Herpes genitalis folgt bei ca. 85 Prozent aller Patienten ein symptomatisches Rezidiv. Der Herpes genitalis kann bei bis zu 50 Prozent der infizierten Patienten häufig rezidivieren, bei einigen wenigen Patienten sogar fast jeden Monat. Die Viren können durch Streß, psychische Belastung (Ärger, Erschöpfung, Schlafentzug), Infektionen und Fieber, Traumen, UV-Licht, Hormonelle Umstellung oder Immunsupression reaktiviert werden. Im Gegensatz zur Primärinfektion wird das Rezidiv im Genitalbereich von prodromalen Beschwerden wie Kribbeln, Brennen und Hyperästhesie, neuralgieähnlichen Schmerzen und Krankheitsgefühl angekündigt. Die Rezidive verlaufen meist kürzer und leichter, sind auf das Genitale beschränkt, beeinträchtigen zugleich aber stark die Lebensqualität und können emotionale, sexuelle und psychosoziale Konflikte in einer Partnerschaft auslösen. Nicht zuletzt deshalb ist eine effektive Behandlung wichtig.

Behandlung:

Trotz intensiver Forschung gibt es noch kein Medikament, mit dem man sich vor einer Ansteckung schützen könnte oder das die in den Nervenzellen lebenden Viren vernichten könnte. Es gibt heute allerdings Medikamente, mit denen man den erneuten Ausbruch verhindern oder den Verlauf der Erkrankung mindern kann.

Dennoch ist die episodische systematische und erst recht die lokale Therapie von Schüben des Herpes genitalis mit sog. Virustatika kaum wirksam und beschränkt sich auf Schmerzlinderung und Wundpflege.

Die latente Herpesinfektion ist einer Therapie nicht zugänglich. Rezidive verhüten kann nur eine systemische Suppressionstherapie. Diese ist indiziert bei Patienten, die mindestens alle acht Wochen ein Rezidiv erleiden. 85 Prozent von ihnen bekommt man damit für die Dauer der Medikation erscheinungsfrei.

Prophylaxe:

Aufgrund einer Schwächung des körperigenen Abwehrsystems fangen die Viren in den Nervenzellen von Zeit zu Zeit wieder an sich zu vermehren. Dann wandern die Viren entlang der Nervenfasern zurück zu dem Schleimhautbereich, der von den Nervenfasern versorgt wird und es kommt zum Rückfall der Erkrankung.

Um so wichtiger wird es vor allem mit zunehmendem Alter, das in der heutigen Zeit immer stärker auch durch Umweltbelastungen (Luftschadstoffe, ionisierende Strahlung, Schwermetalle, Nitrate und Pestizide in Nahrungsmitteln) beanspruchte Immunsystem rechtzeitig zu stützen und zu stärken. Ein echtes Immundefizit mit Ausfall von Abwehrmechanismen durch fehlende oder eingeschränkte Funktion von Einzelkomponenten des Immunsystems besteht jedoch selten; meist ist die Immunabwehr nur vorübergehend beeinträchtigt. Zahlreiche Faktoren können im Laufe des Lebens ein an sich normal angelegtes Immunsystem schädigen und auf diese Weise einen erworbenen oder sekundären Immunmangel erzeugen. Dabei spielen auch Steuerungsfaktoren, die vom zentralen Nervensystem ausgehen, eine bedeutende Rolle.

Mit zunehmender Erforschung des menschlichen Immunsystems wurde auch die positive Wirkung durch Stärkung der Abwehrlage verständlich. Biologische Immuntherapien können das Immunsystem anregen oder für das nötige Gleichgewicht im System sorgen.

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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