Harninkontinenz der Frau
 

Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung muß nach Angaben der WHO in den nächsten Jahren weltweit mit mehr als 200 Millionen Inkontinenten gerechnet werden. Die Zahl jener Patienten, die mit Harninkontinenz zu tun haben, bewegt sich auch in Deutschland in Millionenhöhe. Experten gehen davon aus, daß bis zu 10 Prozent der weiblichen Bevölkerung betroffen sind und mehr oder weniger ausgeprägte Einbußen der Lebensqualität erfahren. Nicht selten jedoch werden Häufigkeit und Bedeutung der Miktionsbeschwerden besonders bei Frauen im höheren Lebensalter unterschätzt. Ungerechtfertigte Tabuisierung und Unwissenheit verhindern, daß erfolgreiche Therapiemöglichkeiten zum Einsatz kommen. Die Harninkontinenz ist ein sehr komplexes Problem; daher gibt es auch für die Behandlung kein Patentrezept. Dennoch ist es in vielen Fällen möglich durch medizinische, prothetische und psychologische Interventionsmaßnahmen sowie Versorgung mit geeigneten Hilfsmitteln die Harninkontinenz zu behandeln oder zu beseitigen und ein mobiles Leben zu führen.

Der Entstehung von Störungen der Harnspeicherung und Harnentleerung bei der Frau liegt ein komplexes Zusammenspiel von peripher-organischen und zentralnervös-funktionellen Faktoren zugrunde. Dabei ist bei Gesunden eine Akkomodation unterschiedlicher Füllungsvolumina möglich, ohne das eine kritische Erhöhung des Blaseninnendruckes eintritt. Die Harnblase als plastisches muskuläres Hohlorgan bildet mit dem Verschlußapparat eine funktionelle Einheit, die einer komplexen Regulation und verschiedenen Einflüssen unterliegt. So kann die Miktionsstörung neben organischen, neurologischen und zerebralen Erkrankungen auch

  • ein erlerntes Fehlverhalten als Reaktion auf eine psychosoziale Streßsituation sein
  • Bestandteil oder Ausdruck einer funktionellen Sexualstörung sein
  • somatische Äußerung eines verdrängten Gefühls (Wut, Aggression, Trauer, Verlust) sein
  • durch eine chronisch-vegetative Fehlsteuerung entstehen
  • Folge einer gestörten Kommunikation in Ehe, Familie oder Beruf sein
  • Symptom einer latenten seelischen Erkrankung sein, etwa einer larvierten Depression, einer Angstneurose oder einer hysterischen Neurose

Als Harninkontinenz wird jede Form des objektiv nachgewiesenen unkontrollierbaren Harnverlustes - als Ausdruck einer Störung im Zusammenspiel von Füllphase und Entleerungsphase der Harnblase - bezeichnet. Die Ursachen liegen in der Regel entweder in einer Schwäche des Verschlußapparates oder in einer Instabilität der Detrusorfunktion. Die Häufigkeit und der Schweregrad der Inkontinenz steigt mit zunehmendem Alter, mit der Zahl der Geburten und mit dem Grad der Adipositas. Insbesondere die Inkontinenz alter Menschen ist heute zu einem brennenden medizinischen und sozioökonomischen Problem geworden. Zwischen 30 und 50 Prozent der Seniorinnen über 65 Jahre sind davon betroffen; in Pflegeheimen sind es sogar bis zu 70 Prozent.

Die Miktionsstörungen im Alter infolge Interaktion verschiedener pathophysiologischer Ursachen dürfen trotz aller Probleme nicht als altersbedingt "natürlich" abgetan und hingenommen, sondern müssen als Symptom begriffen und behandelt werden. Sie sind oft diagnostisch und therapeutisch erfolgreich anzugehen. Multifaktorielle Ursachen der Miktionsstörungen erfordern allerdings variable Therapien. Es kommt darauf an, daß die Patienten ihre Erkrankung als Herausforderung zur Mitarbeit und nicht als Bedrohung empfinden, wenngleich der Leidensdruck der Frauen sehr groß ist. Einmal inkontinent bedeutet nicht immer inkontinent. Gleichwohl sind auch kurzfristige Erfolge in der Regel nicht zu erwarten. Entscheidend für eine effiziente Therapie ist eine sehr genaue und evtl. durch aufwendige Anamnese und spezielle Untersuchungen gesicherte Diagnose.

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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