Dürfen wir tun, was wir können?
 

Wir leben in einer Zeit der Paradoxien. Aber muss es soweit gehen, dass Philosophen, Theologen, Soziologen, Ethiker, Politiker, Juristen et al. mit viel Tatkraft und Ideen der Medizin die Regeln der Biotechnologie aufschwatzen, während die Mediziner wohl lieber am Krankenbett und in der Sprechstunde arbeiten, als sich an Diskussionen über die Möglichkeiten der Biomedizin zu beteiligen. Und dennoch: Die Abwesenden bestraft die Entwicklung bitterböse, und die ihnen anvertrauten Patienten gleich mit. Unser aktuelles Handeln soll die Zukunft unserer Patienten mit ins Auge fassen.

Dürfen wir tun, was wir können - was uns möglich ist? Diese Thematik, die uns alle angeht, beinhaltet mehrere, zum Teil sehr unterschiedlich zu behandelnde und womöglich auch zu beurteilende Fragestellungen. Jeder Fortschritt menschlichen Wissens und Könnens rückt Vieles, was bisher von der Gesellschaft schicksalsergeben hingenommen wurde, in den Bereich menschlicher Steuerung und damit menschlicher Verantwortung. Und dennoch, der Mißbrauch jedes Fortschrittes könnte unethisch und inhuman sein. Die mögliche Nutzung menschlichen Genoms steht deshalb in der Verantwortlichkeit des Wissenschaft, aber auch in der Verantwortlichkeit der Gesellschaft und der Regierenden.

Die Entzifferung des menschlichen Genoms stellt einen vorläufigen Höhepunkt der biologischen Forschung dar. Die ungeheure Informationsmenge können indes selbst die Experten erst in Anfängen verstehen und auswerten. Die Wissenschaft ist nicht so weit, wie viele glauben, und wird hoffentlich nie so weit kommen. Verwirrung und Ratlosigkeit sind dennoch enorm und treiben Blüten. Die naive Vorstellung, nach der jede Eigenschaft ein entsprechendes Gen hat, ist unsinnig. Die Polemik um die Genomforschung und therapeutisches Klonen zeigt gleichwohl, dass die Tatsache menschlicher Sterblichkeit und Erkrankung in den modernen westlichen Gesellschaften von Vielen nicht mehr als Schicksal akzeptiert wird. Der Mensch will sich genetisch umbauen. Die Dolly-Technik kann durch Modifizieren der Stammzellen zur Herstellung von Designermenschen eingesetzt werden. Hier wird wieder einmal deutlich erkennbar, dass die übergroße Macht der Technisierung die Verhütung zum Hauptthema der Verantwortung macht. Vielleicht haben wir noch die Wahl simpler Tatenthaltung, bevor wir die Schwelle der Aufhebung der menschlichen Kontingenz endgültig überschreiten.

Die Befürworter wollen mit allen Mitteln die Ursachen der Leiden beseitigen und sind offenbar bereit, die Entscheidung über ein lebenswertes Leben dem Geningenieur zu überlassen bzw. in dessen Hände zu legen. Schon wird allerorts vom Auslöschen von Erbkrankheiten geredet. Die moralische Fragwürdigkeit und der tatsächliche therapeutische Nutzen dieses "Fortschritts" werden in der aufkommenden Euphorie gerne außer Acht gelassen. Auf der anderen Seite werden schwammige und nicht definierte Begriffe wie "schwere Erbkrankheiten" ständig ins Feld geführt. Ich habe erhebliche Zweifel, ob eine vom Gen-Designer entworfene menschliche Konstitution jemals störungsfrei funktionieren kann, weil: a. jedes Gen mehrere Funktionen ausüben kann und b. einzelne Eigenschaften von mehreren Genen beeinflußt werden. Im menschlichen Genom ist die komplexe Beziehung zwischen Genen und Eigenschaften besonders offensichtlich. Keiner ist heute in der Lage, die Konsequenzen solcher Eingriffe in den genetischen Bauplan eines Menschen zu überschauen, bis das Kind geboren ist.

Die technologischen Voraussetzungen für das Klonen von Lebewesen sind relativ bescheiden, es gibt bereits geklonte Rhesusaffen. Die Klontechnik ist dennoch nicht ausgereift. Deshalb müßten recht bald international verbindliche Regelungen für den Umgang mit diesen Technologien gefunden werden. Wer darf entscheiden, welches Leben lebenswert ist und welches nicht? Was ist pathologisch, wann liegt eine Krankheit vor? Wer liefert oder bestimmt die Qualitätsmerkmale/Kriterien für das genetisch einwandfreie Endprodukt "Mensch ohne Makel"? Die Machbarkeit dank Gentechnologie erzeugt gesellschaftlichen Druck. Wann wird das menschliche Erbgut zur Disposition gestellt und der Gentherapie-Zwang in bestimmten Fällen bei dem genetischen Proletariat angeordnet? Wie wird sich der entstehende "normierende" Anspruch/Druck auf körperliche Vollkommenheit bei der genetischen Auslese auf die Psyche der Menschen auswirken? Diese Problematik ist bereits durch die Möglichkeiten der BRCA-Gen-Bestimmung bei Brustkrebs in der Frauenarztpraxis zur Realität geworden.

In einigen Ländern dieser Welt werden weibliche Embryonen bereits selektiert. Hierzulande duldet die Rechtsordnung ebenfalls die Abtreibung und das Absterben von Embryonen durch Spätverhütungsmittel. Dem Embryo ist es wohl egal, ob er abgetrieben oder verbrauchender Forschung zugeführt wird. Mit dem gesunden Menschenverstand sind diese Widersprüche zum Embryonenschutzgesetz nicht zu begreifen. Werden in Zukunft die Personaldaten im Paß durch die Genomformel ergänzt wie einst durch die Blutgruppe? Blutgruppenbezogene Ernährungsempfehlungen sind bereits Realität. Die anhaltende kontroverse Diskussion über die Sterbehilfe ebenfalls. Soll vielleicht in Zukunft der Wecker für die letzte - natürlich unbeschwerliche - Lebensstunde auch gleich vom Geningenieur gestellt werden?

Woher kommt der Glaube der Befürworter der Gentherapie, dass das zum Klonen verfügbare Embryo keine der nicht zur Weitervererbung geeigneten Merkmale trägt? Am Ende würde lediglich ein "Stückwerk" des Gen-Engeneering dastehen - ein Wesen nach einem Leitbild geformt. Einmal Schöpfer gespielt - das muss ein Desaster geben.

Der medizinische Fortschrittsglaube ist nicht neu. Auch der hoch interessante theoretische Ansatz der gentechnischer Industrialisierung scheint von der Theorie her bestechend zu sein. Dennoch ist nicht alles Machbare ärztlich, ethisch und moralisch vertretbar, auch wenn die Versuchung oft noch so groß sein mag. Unsere Gesellschaft muss jetzt entscheiden, wo die Grenze liegt zwischen erlaubt und verboten. Medizinische Revolutionen wurden auch in der Vergangenheit von Forschern nach dem Motto "Wir können das, lasst uns nur forschen" oft genug versprochen, solange die Versprechen dazu dienten, die gewünschte Forschungsmittel zu mobilisieren oder die eigene Karriere voran zu treiben. Wer jetzt das Schicksal, mit unabsehbaren Folgen für die ganze Menschheit, spielen zu können glaubt, fällt vermutlich um so tiefer zurück.

Mir scheint, dass zumindest in der Medizin - und darum geht es bei der Kontroverse um das therapeutische Klonen in erster Linie - der suggerierte wissenschaftliche Fortschritt und somit auch der Machbarkeitswahn von den medizinischen Laien weit überbewertet wird. Die Praxis ist wesentlich nüchterner: Das können des ABC macht noch keinen Poeten.

Dies möge an zwei Beispielen konkretisiert werden:

  • Die ständig zunehmende krebsbedingte Sterblichkeit lässt bedauerlicherweise immer noch viele Fragen nach der Effektivität der extrem belastenden und sehr kostspieligen Chemotherapie offen: von 1970 bis 1994 stieg die Todesrate bei Krebs um 6 Prozent an. Die herkömmliche Therapie bleibt bei über 90 Prozent ohne jeglichen Effekt, und selbst wenn sie anschlägt, leben die Erkrankten durchschnittlich nur noch sechs bis zwölf Monate. Tatsache jedoch bleibt, dass weder die Pharmaindustrie noch die forschende Medizin ein Verfahren zur reproduzierbaren Testung der Empfindlichkeit der Tumorzellen gegen diese Zellgifte, und somit auch eines sinnvollen Einsatzes der Chemotherapie bei den betroffenen Patienten, entwickelt haben. Seit Jahrzehnten wird also diese sehr belastende Therapieform praktisch im guten Glauben - "hoffentlich wird sie auch helfen" - den Menschen zugemutet. Greift diese nicht, werden die Betroffene nach dem Motto "Wir können nichts mehr für Sie tun" nach Hause geschickt. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass diese Therapie eher lebensverkürzend, dazu noch bei deutlich schlechterer Lebensqualität, als lebensverlängernd wirkt! Offenbar lassen sich diese Mittel auch ohne einen Nachweis der Wirksamkeit gut verkaufen.
  • Mit Einführung der Antibiotika glaubte man endlich die Infektionskrankheiten besiegen zu können. Selbst diese Einschätzung, daß Infektionskrankheiten grundsätzlich besiegbar sind, musste in den letzten Jahren revidiert werden. Im Jahr 1997 war weltweit jeder dritte Todesfall durch eine Infektionskrankheit bedingt. Die Welt habe die Bedrohungen durch Infektionskrankheiten für die wirtschaftliche Entwicklung und die nationale Sicherheit "gefährlich" unterschätzt, heißt es in einem WHO-Bericht, der 1999 in Washington veröffentlicht wurde. Danach ist jeder zweite Todesfall von jungen Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter und von Kindern weltweit auf Aids, Malaria, Tbc, Masern, Durchfallerkrankungen und Erkrankungen der Atmungsorgane zurückzuführen.

Die deutsche Öffentlichkeit, Wissenschaft und auch die Politik werden den konkreten Entscheidungskonflikten, welche biotechnische Erfindungen und Embryonenschutz implizieren, nicht ausweichen können und dürfen. Wir alle werden uns dieser Aufgabe stellen und sie gestalten müssen, wollen wir dem Anspruch an uns selbst vor unserem Gewissen gerecht werden. Dafür ist in der Gesellschaft ein Reflexionsprozess über die sinnvollen Ziele der modernen Medizin und deren Realisierung sowie über die wachsende Kluft zwischen Ansprüchen und Ressourcen notwendig. Dies gilt auch für die Nutzung embryonaler Stammzellen für möglicherweise irgendwann klar definierte gentherapeutische Zwecke. Hierzu wird eine Güterabwegung unausweichlich werden, die - hoffentlich - mit Zweifeln und Widersprüchen beladen sein wird: Eine Güterabwegung zwischen den Schutzrechten des Embryos einerseits, und gesellschaftlich wünschenswerten therapeutischen Zielen anderseits. Wenn das Lebensrecht des Embryos wirklich auf derselben Ebene liegt wie das Recht auf Gesundheit derjeniger, die von einer, aus der Biotechnologie erwachsenden, Behandlungsmöglichkeit profitieren könnten, wäre die Konfrontation dieser beiden Ansprüche tatsächlich unüberwindbar. Ein ethischer Diskurs würde dann lediglich Zeitverschwendung bedeuten. Hier nur zur Erinnerung: Seit Jahren werden im deutschen Gesundheitswesen weniger als ein Prozent der Gesamtkosten für die, jetzt mit sorgenvoller Miene beschworene, Vorbeugung von Krankheiten ausgegeben. Der medizinische Alltag gewährt allerdings schon heute viel Raum für die Vermeidung von Krankheiten. Dazu fehlen angeblich die Mittel. Warum bleibt hier das Recht auf Gesundheit auf der Strecke? Die Ethiker und die Politiker schweigen!

Das mögliche Erkennen von Krankheitsursachen ist der eine wichtige Aspekt in der Medizin. Deren tatsächliche Realisierung ein anderer. Dazwischen liegt das menschliche Leben mit den unzähligen individuellen, unauflösbar verzahnten Umwelt- und Lebensstilfaktoren auf der einen Seite und Wechselwirkungen von Proteinen im Genom, die sich hoffentlich niemals (um)programmieren lassen, auf der anderen Seite. Es bleibt zu hoffen, dass die Allmachtsphantasie über die greifbar gewordene Genmanipulation mit gezielten genetischen Veränderungen ein Traum bleibt, und die Motivation der Forscher an deren eigenen Möglichkeiten scheitert. Jeder von uns kann sich heute schon fragen, ob er in einer Gesellschaft, in der ein behinderter Mensch nur noch als Fehler der Biomedizin angesehen würde, leben möchte.

 

© 2001, Dr. med. Laitenberger

 

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