Burnout
 

Wann balancieren Sie zwischen erträglichem Stress und Burnout? Oft signalisiert erst ein Schlüsselerlebnis, dass die Grenze der Belastbarkeit überschritten ist. In einer Zeit, die fast explosionsartige Umbrüche in allen Lebensbereichen mit sich bringt, da scheint kaum noch Raum, das eigene Leben mit Freude, Gelassenheit und in Muße zu erfahren. Wir pendeln zwischen vermeintlicher Fremdbestimmung und Sehnsucht nach eigenbestimmtem Fühlen und Handeln hin und her. Doch je mehr Stress und Unruhe unser Dasein in einem immer härter werdenden Existenzkampf bestimmen, um so mehr sehnen wir uns nach innerer Zufriedenheit und Sinnerfüllung unseres Lebens. Achtsam sein, die Fähigkeit besitzen, sich voll auf den Augenblick zu konzentrieren, wird nun zum kostbaren Luxusgut.

Viele von uns erleben das Phänomen "Burnout", die schleichende Bedrohung unserer Lebensqualität und Gesundheit, und, was das Schlimmste ist, wir fühlen uns diesem Phänomen hilflos ausgeliefert. Wir spüren, dass wir uns verzetteln und haben das Gefühl, nur noch funktionieren zu müssen, fühlen uns ausgebrannt und leer. Unser "Wollen" und "Müssen" klafft schließlich so weit auseinander, dass unser innerer Kampf zu einer Zerreißprobe zu werden droht und unsere Energien aufgezehrt werden. Häufig wird ein Mantel des Schweigens, der durch Verleugnung und Abwehr bedingt ist, darüber gebreitet.

Es kann jeden treffen. Betroffen sind allgemein eher Menschen, die alltäglich mit Menschen arbeiten. Die besonders Tüchtigen, mit ausgeprägtem Pflichtbewusstsein, aufopferungswillig und hoch motiviert. Kontrollierte Kopfmenschen, die ihre Emotionen unterdrücken und so lange gegen ihre eigenen Bedürfnisse kämpfen, bis es nicht mehr geht. Weitere Faktoren, die zu diesem Syndrom führen, sind große Verantwortung, Entscheidungsfindung unter Zeitdruck, Arbeitsüberlastung, kombiniert mit hohen Anforderungen. Der Turbokapitalismus lässt eine grosse Zahl von Menschen hilflos zurück. Unterdrückte Gefühle erzeugen den krank machenden Distress. Denn menschliche Empfindungen sind gekoppelt an Herzschlag, Blutdruck und Hormone. Das Angstspektrum steigt bei vielen mit den Stufen auf der Karriereleiter - und mit zunehmender Forderung nach Flexibilität.

Es beginnt mit einem Wunsch, sich zu beweisen. Die Arbeit macht Spaß. Ein scheinbar unerschöpflicher Energiestrom treibt Sie zu Höchstleistungen an. Der Wunsch, perfekt zu sein, setzt Sie jedoch immer mehr unter Druck. Gute Leistung wird zum Magneten für noch mehr Arbeit. Man schuftet, um Anerkennung zu erhalten, und vernachlässigt dabei eigene Bedürfnisse: Der Wunsch nach Ruhe, Entspannung, angenehmen Sozialkontakten etc. tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Die Arbeitstage werden länger, rar die freien Wochenenden. Ein "Nach der Arbeit" gibt es kaum noch. Dann sinkt die Bereitschaft, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen sowie Rückschläge anzuerkennen. Sie werden blind für eigene Empfindungen, missachten körperliche Warnzeichen wie hohen Blutdruck, flache Atmung, angespannte Muskeln. Sie können fast gar nicht anders, als funktionieren. In diesem Stadium kommt es oft zu vermehrtem Alkohol-, Nikotin-, Kaffee- aber auch Schlafmittelgenuß. Bis zu diesem Stadium fühlt man sich meist nicht nur wohl, sondern ganz besonders wohl, weshalb eine Unterbrechung dieser Entwicklung häufig mit Unbehagen oder mangelnder Tüchtigkeit assoziiert wird. Doch plötzlich ist einem Alles zu viel, Müdigkeit sitzt in jeder Körperzelle - total ausgebrannt.

Ein lang währender Energieverschleiß zeigt sich am Ende in einer extremen körperlichen und emotionalen Erschöpfung: Ängste, Gereiztheit, Ungeduld, Schlafstörungen, Müdigkeit, Lethargie, Gefühl der Leere, Orientierungslosigkeit, Magen-Darm-Probleme, Zerviko-Dorsalgie, Muskelverspannungen, Immunschwäche, Migräne, Tinnitus, Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Depressionen, sexuelle Unlust. Die Wahrnehmung trübt sich im Sinne einer Abstumpfung. Man verleugnet Probleme, die in der Partnerschaft und im Bekanntenkreis auftreten. Man schluckt alle Emotionen hinunter, verdrängt sie. Auch das Wertesystem verändert sich. Man erkennt selbst nicht, worauf man zusteuert, man will es nicht wissen. Man merkt dennoch: Ich funktioniere wie eine Maschine. Dann folgt die Phase wachsender innerer Leere, genährt von dem Gedanken: Wenn ich nicht arbeite, was bin ich dann? Und nun kommen die Ängste, die Depressionen, die Verzweiflung, Apathie, bis hin zu einer völligen Erschöpfung, bis hin zum Zusammenbruch. Innere schmerzhafte Gefühle wechseln mit Abgestorbensein ab, es kommen Suizidgedanken.

Dennoch bedeutet jede Krise auch Chance, wenn wir bereit sind, unser derzeitiges Lebenssystem einer selbstkritischen, realistischen Betrachtung und Analyse zu unterziehen und die Verantwortlichkeit für Wohlbefinden und Sinnerleben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Nehmen wir deshalb das Burnout-Syndrom zum Anlaß, über uns nachzudenken. Begreifen wir es als Chance, unseren Selbstwert wieder zum Maßstab unserer Lebensqualität werden zu lassen. Nehmen Sie sich Zeit für das, wonach Ihnen der Sinn steht. Leben Sie Ihre Gefühle aus, auch wenn es noch so stressig ist!

Ausgangspunkt jeder Prävention und Bewältigungsstrategie ist die genaue Analyse der Situation: Beginnen muss jeder bei sich selbst, bei seinen persönlichen Lebensumständen, seiner individuellen Biographie, seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Versuchen Sie sich selbst kennenzulernen, bleiben Sie wach und hinterfragen Sie die Umstände und Ursachen, die Ihr bisheriges Leben bestimmten. Wenn die oben genannten Aspekte auch auf Sie zutreffen, verstehen Sie dies als Alarmzeichen, als die rote Ampel: Stop, so geht es nicht weiter! Allzu viele Menschen sind heute festgefahren im Alltag, hängen fest in einem dichten Netz von Pflichten und Rücksichten. Der kritische Blick auf die verrinnende Zeit bleibt dadurch oft verstellt. Vieles von dem, was wir als Stress beklagen, ist vielfach selbst inszeniert. Durch Geschäftigkeit weichen wir unangenehmen Fragen aus, denen wir uns stellen müssten. Für die Reflexion bleibt weder Zeit noch Ruhe.

Wie oft haben Sie sich schon gefragt: Ist es das, was ich wollte? Habe ich mir mein Leben so vorgestellt? Welche Bedürfnisse und Ziele wurden vernachlässigt? Was ist aus meinen Träumen von einem anderen Leben geworden? Zu oft bleiben wir aus Bequemlichkeit bei den Übeln, die wir kennen. So kommen wir nicht zu uns selbst. Gestehen Sie sich selbst ein, dass Sie gefährdet sind. Achten Sie auf Ihren Körper und Psyche: Die Balance von Körper und Seele, von Bewegung und Ruhe, Anstrengung und Entspannung, ist ein wesentliches Prinzip des Lebensgenusses. Lebensgenuss liegt nicht unbedingt in der Quantität des Erlebens, sondern vor allem in der Qualität. Gönnen Sie sich Zeit zum Nichtstun, Durchhängen und Nachdenken, lassen Sie sich nicht von Pflichten auffressen. Und schreiben sie einmal auf, wie Sie sich ihr Leben eigentlich vorstellen - und was Sie daran hindert, es auch so zu leben. Hiermit möchte ich Sie heute ermuntern, Ihrem Leben neue Impulse zu geben, ein Stück Autonomie wieder zu gewinnen, und an Ihrem ganz persönlichen Lebensmotto zu arbeiten, wenn Sie es denn wollen.

Die vorgeschlagenen Bewältigungsstrategien sind nicht allgemein gültig und können bei einigen wirkungslos bleiben. Vielmehr ist eine persönliche Beratung und Hilfe durch Fachleute sinnvoll. Manche Psychotherapeuten fordern ihre Patienten auf, ihr Leben einmal vom Ende her zu betrachten: Was soll dereinst auf Ihrem Grabstein stehen? Wie lässt sich Ihr Leben in einem Satz zusammenfassen? "Er ging jeden Tag ins Büro"? "Sie hat es immer allen recht gemacht"?

 

© 2001, Dr. med. Laitenberger

 

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