Es lebe die (geistige?) Erektionsfähigkeit!
 

Die Potenzpille Viagra hat auch in der anhaltenden aufgeregten Diskussion ein hohes Erregungspotential. Vielleicht gelingt es damit die Wahrnehmungs-Verweigerung zu beenden und zu erreichen, daß unsere Gesellschaft endlich realisiert, wie schwach und anfällig das männliche Geschlecht sexuell ist. In den Medien wird jedoch ein Bild von Sexualität gezeichnet, das mit der Lebenswirklichkeit nichts gemein hat; diese Praktiken zeugen von einer erschreckenden Fehlentwicklung unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft.

In einer nach wie vor von Männern dominierten Welt, in der Macht, Stärke und Durchsetzungskraft mehr zählen als Fürsorge, Sinnlichkeit und Genuß soll mit dem Besitz des "Blauen Diamanten" die Energiekrise im Unterleib nun endlich bewältigt werden, um machohaftes Potenzgebaren exzessiv auszuleben. Es paßt in die voyeuristische kulturelle Landschaft. Die Annahme eines Durchbruchs hat selbst die Tabuisierung der Impotenz des Mannes aufgebrochen und offenbart, daß viele Männer impotenter sind, als sie den Anschein erwecken. Die über Jahrtausende alte Geschichte der Aphrodisiaka belegt den Irrtum solcher Wunschvorstellung sehr deutlich. Auch Viagra wird kein einziges Potenzproblem lösen.

Die Libido entsteht im Kopf und nicht in den Schwellkörpern; auch im Hirn der Geschlechter müßte sich diese schlichte Tatsache mittlerweile etabliert haben. Ursachen vieler Dysharmonien sind die Unterschiede in der Einstellung zur Sexualität und fehlgeleitete, mangelnde Kommunikation zwischen den Partnern. Der emotionale Austausch verringert sich zunehmend, die Intimität geht verloren. Emotionale Eskalationen, ein unbegriffener Geschlechterkonflikt sind die Folge; die Partner sind voneinander enttäuscht, entfernen sich gefühlsmäßig voneinander und halten sich auch sexuell zurück. Ich denke auch, daß in unserer auf rasche Ergebnis-Erzielung angelegten Leistungsgesellschaft mit hektischer Lebensweise das komplexe Gebilde Sexualität zu einer egoistischen Angelegenheit, zu einer Form von Zwangsbeglückung geworden ist. Man(n) nimmt es selbstinszenierend, auf sich optimiert, in die eigene Hand, um die erwünschte Befriedigung zu erlangen. Auch in einer leistungsbezogenen Gesellschaft muß dennoch die Sexualität ein kreatives, lustvolles und genußvolles Spiel bleiben.

Eine erfüllende Sexualität als intimes Erlebnis durch leibhaftige Interaktionen bei der Begegnung von Männern und Frauen, die auch biologisch anders positioniert sind, kann nicht auf Dauer manipuliert werden. Nur eine Verhaltensänderung im Sinne eines Verständnisses um die biologische, seelische und psychosoziale Andersartigkeit des Partners kann das glückliche Zusammenleben fördern. Der schnelle Griff zur Pille kann dies nicht ersetzen.

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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