Klimakterium virile "Hormondefizit beim alternden Mann"
 

Der zunehmende Anteil älterer Menschen in unser Gesellschaft stellt auch hier an die Medizin neue wichtige Aufgaben. So sterben Männer zur Zeit im Durchschnitt sieben bis acht Jahre früher als Frauen und keiner weiß so recht warum. Sind Männer Stiefkinder der Medizin? In den Industrienationen hat sich trotz allen Aufwands die Lebenserwartungsdifferenz in den letzten 100 Jahren mehr als verdoppelt. Gerade deshalb erhalten insbesondere präventive Maßnahmen und Altersendokrinologie während dieser Lebensphase auch für den Mann eine immer größere Bedeutung.

Die Möglichkeiten, auch Männer im höheren Alter von den Vorteilen der Substitution mit Sexualsteroiden entsprechend profitieren zu lassen, werden heute leider noch zu selten genutzt. Mißverständnisse in diesem Bereich überraschen nicht, da der Wissensstand um den alternden Mann ist immer noch vergleichsweise begrenzt, und die Diskussion um eine Substitution der mit dem Alter abnehmenden Hormonwerte ist heute auf vergleichbarem Stand wie bei der Hormonsubstitution der Frau vor ca. 30 Jahren. Die Informationslücken werden andererseits überwiegend mit Hilfe pauschaler Vorurteile abgetan. Um das zu ändern, müßten die Männer schnell lernen, die Altersbeschwerden nicht als gottgegeben hinzunehmen, auf die Signale ihres Körpers mehr zu achten und bei Beschwerden den Arzt aufzusuchen. Männer ab 40 können in ein Hormontief fallen. Auch die sogenannte "Midlife-Crisis" ist häufig Auswirkung eines Hormondefizits.

Sinkende Vitalität und Muskelkraft, verminderte Knochendichte, nachlassende Liebeslust und abnehmende Potenz sind deutliche Anzeichen dafür, daß auch Männer "in die Jahre kommen". Bei kardiovaskulären Beschwerden, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schwitzanfällen, Stimmungsschwankungen oder Rücken- und Gelenkschmerzen sollte auch an einen möglichen Hormonmangel gedacht werden. Reduzierte DHEA- und Testosteronwerte sowie weitere Hormonverschiebungen sind dabei zu verzeichnen. Mit steigendem Alter sinkt beim Mann ebenso der Östrogenspiegel, der eine gesicherte Rolle in der Spermatogenese spielt und auch für den Erhalt der Knochenmasse und kognitiver Funktionen wichtig ist. Die Geschlechtshormone sind biologische Multifunktionäre. Es ist der rasanten Entwicklung auf dem Gebiet der Molekularendokrinologie zu verdanken, daß wir heute die Involvierung der Geschlechtssteroide in Immunvorgänge, Stoffwechselprozesse, Wachstumsregulation, Alterungserscheinungen und Durchblutungserkrankungen besser verstehen und kennen. Denn, Ursachenkenntnis ist grundsätzlich eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung spezifischer Therapien.

Jeder Mann ab 50 Jahren mit Beschwerden kann substituiert werden - nicht nur mit DHEA und Testosteron, sondern nach Bedarf individuell auch mit Östrogen. In physiologischen Dosen senkt Östrogen signifikant den Blutdruck und reduziert die Pulsfrequenz, es verbessert die Elastizität der Blutgefäße und senkt den peripheren Widerstand, wirkt positiv auf den Lipidstoffwechsel und hat eine starke antioxidative Wirkung. 17ß-Östradiol ist in die Regulation von Reparatur und Regeneration der Schleimhäute, der Haut sowie der Binde- und Stützgewebe einschließlich der Knorpel und Knochen eingebunden. Es steht mittlerweile außer Zweifel, daß die Plastizität und Regenerationsfähigkeit des Gehirns u.a. auch vom Östradiol abhängig ist. Östrogene scheinen das Risiko, im Alter an Morbus Alzheimer zu erkranken auf ca. 60 Prozent zu reduzieren. Als Ursache dafür wird unter anderem eine positive Beeinflussung von Neuronen und Neurotransmittern angenommen.

Nur bei zwei Prozent der Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit lassen sich keine Risikofaktoren - Rauchen, Bluthochdruck, Streß und Bewegungsmangel, veränderte Blutfettwerte - finden. Durch eine adäquate Substitution mit natürlichen Östrogenen kann eine mehr als 50-prozentige Abnahme des kardiovaskulären Risikos erreicht werden, wobei die Hormonersatztherapie das eigentliche Fachgebiet des Gynäkologen weit überschreitet und zentrale Gebiete der inneren Medizin berührt. Wie zahlreiche Untersuchungen belegen, erklärt sich die kardioprotektive Wirkung der Östrogensubstitution nur in etwa einem Drittel aus der günstigen Beeinflussung des Lipidstoffwechsels. Der überwiegende Anteil der Prävention durch Östrogene wird über direkte Effekte an der arteriellen Gefäßwand vermittelt. Im Gegensatz zum Östrogen haben medikamentöse Lipidsenker keinerlei Effekt auf die Gefäßendothelien! Nach Herzinfarkt und Apoplex zeigt sich unter Hormonersatztherapie eine schnellere Revaskularisation. Patienten nach Myokardinfarkt, mit Nikotinabusus, Hypercholesterinämie oder Bluthochdruck sind durch eine Östrogensubstitution fünfmal besser gegen kardiovaskuläre Folgekrankheiten geschützt als ohne Hormonsubstitution. Aus der Östrogensubstitution resultiert eine 20-prozentige Abnahme der Häufigkeit eines Apoplex.

Der Gesundheitszustand der Frauen ist längst zum Gegenstand der intensiven Forschung und der öffentlichen Diskussion geworden und verleiht durch die zunehmende Lebenserwartung der Frauen diesem Themenkreis eine besondere Dynamik. Die Ursachen und Folgen für die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Morbidität und Mortalität von Frauen und Männern sind vielfältig und nicht immer vergleichbar. Allerdings erscheint es bereits heute - dank der möglich gewordenen individuellen, maßgeschneiderten hormonalen Verbesserung bei dem alternden Mann - nicht mehr utopisch, in naher Zukunft die Lebenserwartung von Männer der von Frauen anzugleichen. Eine frühzeitige Hormonsubstitution - nach vorheriger Überprüfung des Hormonstatus - kann den Alterungsprozess des Mannes deutlich verlangsamen und so den Gesundheitszustand und die Lebensqualität erhalten und sogar steigern.

Hormonsubstitution wird in Zukunft in dem Maße an Bedeutung gewinnen, wie sich Männer des Einflusses ihrer Hormone auf ihre Gesundheit bewusst werden!

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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