Fatique
 

Während die Onkologie in der kurativen und palliativen Tumortherapie innerhalb der letzten Jahre erhebliche Fortschritte erzielt hat, rückte die Befindlichkeit der Krebspatienten erst in jüngster Zeit stärker ins Bewußtsein der Onkologen. Doch die Begleitumstände der Behandlung schränken die Lebensqualität der Patienten stark ein. Neben starken Schmerzen kann auch eine unerträgliche Müdigkeit und Erschöpfung das Leben für Malignomkranke zur Qual machen, teilweise stärker als durch den Schmerz.

"Versteckte" Krankheit Fatigue = die Erschöpfungssymptomatik bei Krebs. Die Erkenntnis, dass Fatique eine der häufigsten Nebenwirkungen der Krebstherapie ist und mit der Zahl der Therapiezyklen ansteigt, ist nicht neu. Die Symptome sind vielfältig: Antriebslosigkeit, Kurzatmigkeit, körperliche Erschöpfung und ständige lähmende Müdigkeit, Ermattung schon bei den einfachsten Verrichtungen; die psychische Verfassung tendiert gegen Null, von Lebensfreude keine Spur. Andere leiden eher unter Depression oder verminderter Gedächtnisleistung. Kennzeichnend für die Fatigue sind anhaltende körperliche und geistige Erschöpfung und die Unfähigkeit, sich trotz ausreichenden Schlafes zu erholen und Energiereserven zu schaffen. 70 bis 80% der Krebspatienten zeigen Fatigue-Symptome, davon 30 bis 50% in ausgeprägter Form. Vor allem Tumorpatienten leiden daran - und das auch noch Monate, ja Jahre nach einer erfolgreichen Strahlen- bzw. Chemotherapie.

In der Regel beginnen die Fatigue-Symptome drei bis vier Tage nach Beginn der Chemotherapie und steigern sich bis zum zehnten Tag. Während körperliche Faktoren in den ersten Monaten nach Therapiebeginn dominieren, scheint der Anteil der psychischen Faktoren bei chronischen Fatigue-Syndromen von Krebspatienten zu überwiegen. Die Ursachen sind nur schwer faßbar. Ein klares differentialdiagnostisches Raster für diese Krankheit gibt es nicht, nur Anzeichen. Sicher spielt jedoch die agressive Therapie als auslösender Faktor eine Rolle.

Prädiktoren einer Fatigue:

  • Anämie
  • Hypoproteinämie
  • niedrige CHE
  • Fehlernährung
  • Gewichtsverlust
  • Analgetika/Psychopharmaka

Auch psychische Faktoren können eine Rolle spielen, zum Beispiel chronischer Schmerz, Stress, Schlafstörungen oder Ängste. Immuntherapie mit Zytokinen wie Interferon, Interleukinen, Tumornekrosefaktoren oder größere Blutverluste bei onkologischen Operationen können zu Fatigue beitragen. Ferner können Vitamin- oder Eisenmangel den Erschöpfungszustand begünstigen.

Fatigue korreliert mit erniedrigtem Hämoglobinwert. Die Blutarmut bewirkt eine Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff. Korrektur einer Anämie beeinflußt den Verlauf der Grunderkrankung selbst vielfach positiv. Doch nicht immer ist eine Anämie die Ursache für die Fatigue. Anämie - induzierte, psychische oder ernährungsbedingte Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die Krankheitsbewältigung, die mit Angst und Trauer verbunden ist, kostet viel Kraft und kann müde machen. Viele Patienten trauen sich nicht von selbst, ihre Erschöpfung anzusprechen, weil sie glauben, daß sie selbst daran schuld seien, die Erschöpfung gehöre zur Krankheit und müsse hingenommen werden.

So vielfältig die Ursachen der Fatigue sind, so komplex ist auch die Behandlung:

  • Psychologische Begleitung
  • Entspannungstechniken
  • Gezieltes Bewegungstraining
  • die Dinge tun, die Freude machen
  • Leistungsdruck meiden,
  • Ablenkung durch kreative Tätigkeiten
  • Kräfte einteilen

Die Langzeiteffekte einer medizinischen Behandlung sind in Forschung und Praxis heute nicht mehr auf die quantitativen Elemente (Überlebenszeit oder die Tumorreduktion) beschränkt. Alle Aspekte der Lebensqualität stehen immer mehr im Vordergrund.

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 
 

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