Wissen
 

"Wir arbeiten ausschließlich daran, unser Gedächtnis vollzustopfen, Verstand und Gewissen lassen wir leer"
Michel de Montaigne, 1533-1592

Wissen läuft heute wie eine immer höher werdende Bugwelle unserer wirschaftlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Entwicklung voraus. Was ist das eigentlich, Wissen? Eine anerkannte Definition existiert nicht. Medizinisches Wissen beruht überwiegend auf dem Verarbeiten neuer Informationen und auf der Verknüpfung vorhandener Erkenntnisse. Insofern ist es im Gegensatz zur Information als kumulativer empirischer Erfahrungsschatz personengebunden. Das ist besonders wichtig bei den komplexen Zusammenhängen in der Medizin, da Wissen nur Sinn in einem angemessenen Kontext macht. Lebenslanges Lernen ist hier gefragt. Entscheidungen auf der Grundlage von umfassendem Wissen führen zu besseren Ergebnissen und zu niedrigeren Kosten des Gesundheitssystems. Die systematische Erarbeitung von Wissen kostet heute immer mehr Zeit. Wissen ist viel mehr als bisher eine wertvolle Ressource der Zukunft und lebt von Weitergabe, Rekombination, gemeinschaftlicher Umsetzung.

Die wissenschaftliche Medizin hat vermutlich das Ende des lange gültigen experimentellen Dogmas erreicht. Als ”Allheilmittel” kann man eine beweisgestützte Medizin nicht ansehen. Die Erforschung von seltenen Erkrankungen wird zunehmend schwieriger. Studien können selten so groß angelegt werden, dass der Nachweis von statistisch und medizinisch signifikanten Unterschieden gelingt. Negative Studien werden oftmals gar nicht publiziert, der therapeutische Nutzen ist fraglich. Die Versuchsergebnisse der akademischen Zentren sind meist nur Durchschnittswerte und nicht auf die natürliche, unselektierte Patientenpopulation übertragbar. Medizinisches Wissen ist auch nicht statisch; Ergebnisse langwieriger Studien sind oft schon bei deren Veröffentlichung veraltet.

Die wichtigste Aufgabe der Wissenschaft im kommenden 21.Jahrhundert ist nicht der Fortschritt auf einzelnen Gebieten, entscheidend wird vielmehr die Wissenschftspopularisierung, der lange vernachlässigte, moderierende Dialog mit der Öffentlichkeit. Bei dem Thema gibt es kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Die Zeit des Glaubens an die naturgegebene Autorität wissenschaftlicher Expertise ist unwiderruflich vorbei. Die Forschung muss um Glaubwürdigkeit kämpfen weil wir in Kürze mit Veränderungen konfrontiert werden, die unseres Selbstverständnis berühren. Wenn man Vertrauen aufbauen will, muss man Kontroversen zulassen.

Wie präsentiert man Wissen einem möglichst großen Publikum? Wir dürfen nicht mehr nur Weisheit verteilen. Um besser mit ethischen Fragen und politischen Streitfragen umzugehen, müssen wir die Politik wissenschaftlich besser beraten, die Bürger mehr einbeziehen und an dem Austausch verschiedener Meinungen aktiv teilnehmen. Die Auseinandersetzung mit Wissenschaft darf nicht länger eine Einbahnstraße bleiben. Gesichert erscheint bereits heute die Erkenntnis, dass eine sich wandelnde Gesellschaft entstanden ist, die zwar noch die Charakteristika einer Industriegesellschaft zeigt, aber schon spürt, dass Neues vor der Türe steht. Im übrigen sind wir nicht zur Passivität verdammt. Das endgültige Gesicht dieser Gesellschaft wird von uns mitbestimmt. Herausragende Gestaltungsmittel sind die vielfältigen Instrumente der Bildungspolitik, in deren Zentrum der Umgang mit dem Wissen angesiedelt ist. Bildung gewinnt damit politische Priorität, lebenslanges Lernen wird unausweichlich Notwendigkeit. Für eine tiefgreifende Reform unseres Bildungssystems gibt es längst zahlreiche Alarmzeichen. Bildung darf nicht zum einem bloßen Fitnesstraining für das Bestehen des technisch-wirtschaftlichen Wettbewerbs degenerieren.

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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