Strukturreformer oder nur "Netzflicker"?
 

Die ungewisse Zukunft als weiteres Instrument der Manipulation von Ärzten und Patienten.

Die Ersatzkrankenkassen wollen nach eigenen Beteuerungen Neuland betreten und behaupten, in einer Vernetzung die Chancen zu sehen, die Qualität und Effizienz der Leistungserbringung zu erhöhen. Geld dafür wird bereits ausgegeben. Die Tragfähigkeit der neuen organisatorischen Strukturen sei allerdings noch in Tests zu erproben. Das klingt zunächst solide. Nach Einschätzung der Kassen sind jedoch die „Netze“ Selbstläufer - "es wär’ zu schön um wahr zu sein". Folgende Fragen sind deshalb dazu erlaubt: wo kommen die zusätzlichen Mittel der Krankenkassen zur Förderung der "Netze" auf einmal her? Wem wurden diese Gelder wieder einmal weggenommen? Von "Vorauszahlung" an risikofreudige Leistungsträger ist dann die Rede. Wie edel. Ich meine, es sind lediglich Aventuristen. Bedauerlicherweise auf beiden Seiten. Kann die Qualifikation eines sich am „Netz“ beteiligenden Arztes tatsächlich damit gesteigert und die Effizienz seiner Tätigkeit erhöht werden? In meinen Augen ein Gimpelfang.

Andere stellen die Netzidee überwiegend in den Dienst der Ausgabendrosselung und Kostendämpfung. Woher kommt die Grundphilosophie für diese Annahmen? Die Idee der Pioniere ist Schnee von gestern: die Netzflicker schaffen lediglich eine andere Versorgungsebene; der Flickenteppich der Versorgungsformen wird größer. Mit einer Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlickeit hat das ganze so viel zu tun, wie der bisherige "Verschiebebahnhof". Auch ein Ruf nach Qualitätssicherung in der Medizin wird derzeit laut. Warum auch nicht. Verfügen die Krankenkassen neuerdings über geeignete Methoden, um die Qualität der ärztlichen Leistungen in sämtlichen Tätigkeitsfeldern zuverlässig zu evaluieren und zu reproduzieren? Vom Standpunkt des Wissenschaftlers braucht man dafür einen genormten Patienten. Den würden uns dann die Krankenkassen und die Politik wohl backen! Das Abitur braucht man für das Medizinstudium bald auch nicht mehr, so war bereits zu hören. Wieso behandeln die Experten der Kassen ihre Versicherten eigentlich nicht gleich selber? Das wäre doch die effizienste Lösung überhaupt! Von der Qualität ganz zu schweigen. Den Sachverstand dafür reklamieren sie für sich; die entsprechenden Gehälter haben die Kassenchefs bereits.

Und die in dem System angeblich so unverzichtbaren KVen? Als Service- und Dienstleister wollen sie agieren - Entwicklung, Management, Beratung und ökonomische Steuerung wollen sie neuerdings anbieten. Die Frage nach ihren heutigen Aufgaben und Leistungen außer der Mangelverwaltung drängt sich nicht zuletzt deshalb geradezu auf. Selbst die Krankenkassen wollen die KVen bei der Vernetzung nicht mit ins Boot nehmen. Recht so! Die Zwangsmitglieder wollen es schon lange nicht mehr.

Die gestaltende Rolle der Politik erschöpft sich abermals in Anleitung zu planwirtschaftlichen Kostendämpfungsmaßnahmen mit dem Fetisch der Beitragsstabilität. Dabei wird postuliert, dass das angeblich so kranke bundesdeutsche Gesundheitswesen nur noch durch die dirigistischen Eingriffe des Staates Heilung erfahren kann. Keine sozialistische Regierung könnte es besser machen; die sozialistischen Ideale können noch so oft ad absurdum geführt werden, sie sind wohl auch in einer freien Marktwirtschaft und expandierenden Anspruchsgesellschaft nicht totzukriegen. Statt die Kernaufgabe der gesetzlichen Krankenversicherungen neu zu gestalten, wird nur opportunistisch Flickschusterei betrieben; statt für Leistungs- und Kostentransparenz zu sorgen, werden Schaukämpfe vorgeführt. Dabei wird selbst die Politik zunehmend zum Spielball der Krankenkassen bei deren Macht- und Profitstreben.

Ähnliche Begeisterung wurde den Ärzten und der Öffentlichkeit in den 80er Jahre mit der Gründung von Gemeinschaftspraxen vorgegaukelt, um sie abzulenken und dann buchstäblich über Nacht den EBM zu installieren. Die Folgen kennen alle Beteiligten. Heute werden andere Köder - separate Honorarbudgets für die "Netzärzte", ökonomische Anreize u.a.m. - vor den Augen der längst wirtschaftlich strangulierten Kollegen geschwenkt. Wer diese nimmt, landet bekanntlich am Haken - hier der Krankenkassen. Man hat in der Politik längst erkannt, wie gut die Ärzte auf dem Boden mangelnder Solidarität und ökonomischer Blindheit auseinanderzupflücken und auszunutzen sind. Wann endlich realisieren es die Betroffenen selbst?! Wir haben das hohe Niveau der medizinischen Versorgung und der durchschnittlichen Lebensdauer in Deutschland mit unermüdlichem Einsatz erarbeitet. Statistische Daten weisen aus, dass Ärzte die geringste Lebenserwartung, die höchste Herzinfarkt-, Suizid- und Scheidungsrate haben. Das interessiert unsere Sozialpolitiker keinen Pfifferling. Und keine Sorge, uns wird man nicht zu Beamten machen. Eine leistungsorientierte Vergütung für Ärzte ist und bleibt eine Farce. Was ist z.B. ein "erfolgreiches" Behandlungsergebnis bei einer chronischen Erkrankung ?... - Na also, Frau Fischer, so einfach geht es doch am grünen Tisch.

Schon bald wird sich zeigen, was an dem so grandios gefeierten Netzaufbau Schein und was Wirklichkeit ist. Wenn erst das Krankenhaus im Zentrum des Netzes steht und die Krankenkassen die Fäden in der Hand halten, werden die vernetzten Ärzte noch mehr zu Zuteilungsfunktionären der GKV degradiert und auf Dauer kleinere und Einzelpraxen aus dem Markt gedrängt. Auch die rentablen Versicherten werden mit den "Netzen" ohne Skrupel eingefangen. Dies ist lediglich eine neue Variante der Salami-Taktik der Kassenstrategen mit dem erneuten Versuch, das "Einkaufsmodell" durch die Hintertür einzuführen; ein durchsichtiger Versuch, die eigene marktbeherrschende Position und das Profitstreben durch Auflösung der bewährten Elemente der Versorgungsstruktur zu stärken. Das Morbiditäts- und Nachfragerisiko wurde bereits in der Vergangenheit fast ausschließlich auf die Leistungserbringer und dann auch zunehmend auf die Versicherten verlagert. Dabei wurden die Ärzte in die Rolle des Schiedsrichters gegenüber den Patienten gedrängt. Die Freiberuflichkeit und die Handlungsspielräume der Ärzte werden systematisch ausgehöhlt und beschnitten. Eine Erfolgshaftung des Arztes liefern die spitzfindigen Juristen sicherlich bald und gerne nach.

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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