Qualitätssicherung in der Medizin
 

Mangels sachlicher Argumente in der Diskussion über die Schlüssigkeit des Konzeptes für die Reformen im Gesundheitssystem wird immer häufiger versucht, den Ärzten ein Imageproblem anzuhängen. Auch ein Ruf nach Qualitätssicherung in der Medizin wird derzeit laut. Mit großem Interesse las ich jetzt die doch sehr allgemeinen Ausführungen des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen, Herrn Dr. med. Martin Pfaff, MdB zur Qualitätssicherung. Im Rahmen des Bemühens um eine bessere Qualität der ärztlichen Leistungen gewinnt auch die Qualitätssicherung zweifellos immer mehr an Bedeutung. Das alles klingt zunächst sehr konstruktiv, richtig und zweifellos wünschenswert. Auch stimme ich mit ihm völlig darin überein, dass die Bürger ein Recht auf gute Information und Beratung sowie Behandlung im Krankheitsfall haben.

Doch bei näherer Betrachtung seiner Äußerungen zur Qualitätssicherung wird es absurd. Es wird von politisch Wendigen postuliert, dass die Position der Patienten gegenüber den Leistungserbringern im Gesundheitswesen unbefriedigend sei. Dahinter steckt nicht nur Edelmut. Das unbestrittene Recht des Patienten auf angemessene Beteiligung darf nicht als Feigenblatt für die Unfähigkeit der Politik missbraucht werden, das Gesundheitssystem effektiv zu reformieren. Verfügt die Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen neuerdings über geeignete Methoden, um die Qualität der ärztlichen Leistung in sämtlichen Tätigkeitsfeldern zuverlässig zu messen und zu reproduzieren? Wird es bewusst ignoriert, dass dann dem Arzt auch der genormte Patient zur Verfügung stehen müßte? Die Stringenz der Argumente ex cathedra bleibt auf der Strecke.

Das Morbiditätsrisiko des Einzelnen wird zu einem vom Arzt einklagbaren Recht, obwohl jede Krankheit letztendlich auch ein persönliches Schicksalsrisiko darstellt. Wurde auch schon über mögliche Sanktionen für Patienten mit ungenormtem Verhalten, Lebensgeschichte, Körperkonstitution, Immunstatus und genetischen Anlagen nachgedacht? Die Übertragung des Morbiditätsrisikos von den Krankenkassen auf die Vertragsärzte ist ein verfassungswidriger Eingriff in das Grundrecht der Berufsfreiheit. Wie lösen wir das Problem des zunehmend diffiziler und exakter werdenden diagnostischen Fortschritts bei weit zurückbleibenden Möglichkeiten, das Entdeckte auch immer adäquat zu behandeln? Eine Erfolgshaftung des Arztes liefern die spitzfindigen Juristen sicherlich bald und gerne nach.

Die Medizin ist nicht Naturwissenschaft allein und auch nicht Geisteswissenschaft, sondern letztendlich ärztliche Kunst. Nur gehorchen geistige Prozesse auch anderen Gesetzen als die Produktion von Gütern. Es gibt keine Fließbänder in der Medizin. Es geht hier vielmehr um eine professionelle Leistungserbringung nach bestem Wissen und Gewissen unter ständig wechselnden Voraussetzungen. Da, wo es nicht optimal funktioniert, sind Verbesserungen sicherlich angebracht. Aber auch die bis heute in Deutschland erreichte Qualität der ärztlichen Behandlung genießt international einen Spitzenruf und spricht für sich! Die deutsche Ärzteschaft hat auf diesem Gebiet seit Jahren Pionierarbeit geleistet und braucht auch den weltweiten Vergleich nicht zu scheuen. Die Polemik über irgendwelche Gütesiegel ist deshalb pure Augenwischerei.

Wir haben Medizin studiert und hohe Qualifikationshürden mit staatlichen Examina und Approbationen bewältigt, haben nach der langen klinischen Weiterbildungszeit eine Facharztqualifikation erworben und müssen uns täglich den Herausforderungen von Krankheiten und menschlichem Leid stellen. Die Weiterbildungspflicht der Ärzte ist in der Berufsordnung festgeschrieben. Wir haben das hohe Niveau der medizinischen Versorgung und der durchschnittlichen Lebensdauer in Deutschland mit unermüdlichem Einsatz erarbeitet. Das alles reicht jetzt nicht mehr?! Über obligatorische Patientenbefragungen und Nachuntersuchungen als entscheidende Qualitätskriterien wird gesprochen. Über Einwirkung der Patienten auf Behandlungsstandards und medizinische Dienstleistungen ist zu lesen. Finanzielle Strafmechanismen, individuelle Abschläge bei unzufriedenen Patienten sowie Bußgelder stehen als Sanktionen zur Wahl. Können die ‘Kontrolleure’ eine der unseren vergleichbare Qualifikation nachweisen? Wohl kaum. Vielleicht trübt allzu menschliche Eitelkeit manchem Reformer ein wenig die Sicht.

Meines Erachtens wird die angestrebte "Qualitätssicherung" verwerflich, wenn bewusste Manipulation und Schikane ins Spiel kommen. Was bedeutet "ergebnisorientiert" oder Qualität bei der doch oft langen Sterbebegleitung eines Menschen? Von wem und wie soll das kontrolliert und evaluiert werden? Würden Sie dafür auch nachts mit mir aufstehen? Die Betroffenen sind sicherlich daran interessiert, die von der SPD dazu ausgearbeiteten Kriterien kennenzulernen. Gegenwärtig braucht die Medizin jedoch Verbündete, die nicht nur nach vordergründiger Nützlichkeit oder politischer Zweckmäßigkeit entscheiden. Eine Verantwortungsethik der Politiker ist gefragt. Was halten Sie davon, dass auch die Politiker - wie es die Ärzte täglich tun - den Nachweis erbringen, dass ihre Arbeit das Geld wert ist, das dem Bürger hierfür mittels Selbstbedienung abgenommen wird?

Es ist eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das Gesundheitssystem effizient zu reformieren. Alle Aspekte des Systems müssen auf den Prüfstand. Die gestaltende Rolle der Politik erschöpft sich jedoch abermals in Anleitung zu planwirtschaftlichen Kostendämpfungsmaßnahmen mit dem Fetisch der Beitragsstabilität. In der Gesundheitspolitik heute geht es um eine Gratwanderung, die weder auf der einen noch auf der anderen Seite Schaden anrichtet. Auch brauchen wir den ernsthaften öffentlichen Dialog kontroverser Themen. Die menschliche Gesundheit läßt sich jedoch nicht durch bürokratische Regelungen kontrollieren - trotz aller Versuche des Menschen. Auch nicht von Politikern. Mit Träumen ist die Zukunft nicht zu gewinnen. Ich persönlich bin ausdrücklich für die höchsten Qualitätsstandards in der Medizin und genauso entschieden gegen dilettantische Rumspielen mit der menschlichen Gesundheit. Den "Möchte-gern-Experten" darf ich zum Nachdenken ein Zitat aus dem Alten Testament anbieten:

"Wovon Du nichts verstehst, sollst Du auch nicht reden".

 

© 2000, Dr. med. Laitenberger

 

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