Ein russisches Roulett.
Zu dem Beitrag von Frau Christiane Rick "Große Wissenslücke" in der "Medizin heute" 10/2004
 

Mit Interesse habe ich in der Ausgabe "Medizin heute" 10/2004 den Bericht von Frau Christiane Rick gelesen. In diesem kurzen Ausschnitt über den Nutzen von klinischen Studien kann man als Leser natürlich nicht beurteilen, ob die Referierende die Problematik nicht erkannt hat.

Der Artikel strotzt jedenfalls vor Fehlern und kann kaum etwas anderes beabsichtigen, als die arglosen Patientinnen in die Arme von Studienleitern zu bewegen. Da fragt man sich schon, warum die Autorin - sogar selbst als potenziell Betroffene - es nicht als ethische Verpflichtung ansieht, sich über die Fakten ihres Themas authentisch zu informieren und sie sachlich darzustellen.

Von Vorteilen für die Teilnehmerinnen ist in dem Beitrag die Rede. Ist es aber tatsächlich so?

Selbst das Wissen über den Ablauf und die Regularien einer Studie ändert nichts daran, daß die Patientinnen nach einem Zufallsprinzip, und nicht nach den Besonderheiten ihrer Erkrankung, in verschiedene Studienarme - die oft deutlich differieren - eingeteilt werden.

Es wird zwar immer behauptet, daß ein wissenschaftlicher Nachweis der Effektivität einer Behandlungsmethode einzig mit dem als "Goldstandard" bezeichneten Typus randomisierter und kontrollierter Studien erbracht werden kann. Solche Studien können aber gar nicht der optimalen Behandlung eines sehr heterogenen Krankheitsbildes des Mammakarzinoms bei jeder Patientin dienen. Ungesicherte Zusammenhänge werden dabei von Forschern als wissenschaftliche Wahrheit verkauft, die Not der Patientinnen wird ausgenutzt. So wurde seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts das Mammakarzinom entsprechend der Rotter-Halsted’schen Theorie als lokoregionale Erkrankung aufgefaßt und den Frauen ultraradikale und verstümmelnde Operationen zugemutet. Heute gelten andere Theorien. Die Sterblichkeit nimmt weiter zu.

Die Studien dienen lediglich einer Überprüfung von Annahmen eines/mehrerer Studiendesigners. Wie soll denn die Patientin erfahren, ob eben diese zu prüfende Annahme für die klinische Form ihrer Erkrankung nicht sogar kontraproduktiv ist?! Und trotzdem läßt sich Prof. Dr. Posinger zu einer maßlosen Übertreibung - "In einer Studie wird individuell behandelt" - hinreißen. Glaubwürdigkeit auch an dieser Stelle hin oder her.

Die Studien werden häufig auf fünf Jahre angelegt. Die Patientin kann überhaupt nicht wissen, ob sie in einen - für die klinische Form ihrer Erkrankung - "falschen" Studienarm eingeteilt wurde. Die Studien werden ja erst nach Abschluß entblindet. Vielleicht erfährt die Patientin erst dann, ob sie behandelt oder mit einem Scheinmedikament (Placebo) im Kontrollarm nur "gegengeprüft" wurde. Was macht nun die Patientin, die erfahren muß, daß sie fünf Jahre lang keine risikoadaptierte Behandlung bekommen hat? War sie nun doch nur ein "Versuchskaninchen"? Ich meine - Ja! Und das bei einer lebensgefährlichen Erkrankung. Bei einer Antifalten-Creme kann man das sicherlich anders beurteilen. Aber fünf Jahre ohne Behandlung bei einer systemischen Erkrankung kommen einem Todesurteil gleich.

Abschließend sei darauf hingewiesen, daß für die Patientin, selbst wenn "der Arzt sie häufiger sieht", die randomisierten und kontrollierten Studien - klingt zwar sehr wichtig - absolut keinen Nutzen haben. Bestenfalls für die zukünftigen Patientinnen. Und dies auch nur dann, wenn die zu überprüfende Annahmen klinisch sinnvoll und nicht nur der wissenschaftlichen Karriere des Forschers oder des Herstellers der in der "Studie" geprüften Medikamente, dienlich waren. Von den so oft "passend gemachten" Studienergebnissen ganz zu schweigen.

Zu Rückfragen und Kommentaren stehe ich jederzeit zur Verfügung.

 

© 2004, Dr. med. Laitenberger

 
 

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